PUSTEBLUME MIT SUPERKRÄFTEN

Auf meinem Schreibtisch steht ein Briefbeschwerer mit einer Pusteblume darin. Die Kugel bietet einen glasklaren Blick auf den inneren Kern mit all seinen fragilen Details. Sie wirkt leicht und ist gleichzeitig schwer, fragil und massiv, vergänglich und beständig.

 

Eine Pusteblume mit der Kraft, eine Scheibe einzuschlagen.

 

Diese Gegensätzlichkeit ist faszinierend und in meinen Augen ein sehr treffendes Bild für den Effekt, den Yoga haben kann. 

 

Yoga hat mein Leben auf den Kopf gestellt. Intensität, Werte, Erwartungen – alles ist anders als vorher, das meiste viel besser und klarer. Mein Inneres und Äußeres passen heute besser zusammen und das kam fast wie von selbst.

 

Als ich vor etwa 10 Jahren zum Yoga Einsteigerworkshop in der Hamburger Margarethenstraße kam, traf ich eine zauberhafte Lehrerin mit dunklen Augen und einem lustigen Kichern. Sie erzählte allerhand interessante Geschichten über Yoga. 

Das Bild mit den „Zwiebelschalen“ hat mir dabei besonders gefallen. Gemeint waren die Schichten, die wir uns im Laufe des Lebens zum Selbstschutz zulegen. Unzählige Hüllen aus Erziehung, Erfahrungen und Mustern, die unseren inneren Kern so fest umschließen, dass ihn niemand mehr sehen kann und wir selbst irgendwann nur noch ahnen können, was ihn ausmacht. Und Yoga sollte ein Weg sein, diesen Kern wieder freizulegen.

 

Diese Lehrerin hat mit einem Blick alle meine Schichten durchdrungen und mir etwas wie ein kleines Saatkorn mitten ins Herz gelegt. Als Option, als Angebot. Das hat meine Neugier geweckt und ich begann, regelmäßig Yoga zu üben.

Nach und nach führte meine Lehrerin mich zum Ashtanga Yoga. Das Üben im Mysore Style, bei dem jede Bewegung dem Rhythmus der eigenen Atmung folgt, war wie das Aufstoßen einer Tür zu einer anderen Welt, der direkte Blick ins Innere. Ehrlich, direkt, ungeschönt und dabei gleichzeitig bekräftigend und versöhnend. 

 

Die Dynamik der Bewegung und die Ruhe der Achtsamkeit. 

Das Rauschen der Atmung und die Stille im Kopf. 

Der Fokus der Konzentration und die Offenheit des Loslassens. 

 

Die Spannung der Gegensätze in diesem besonderen Yogastil geben mir immer neue Impulse, meine eigene Wahrnehmung zu überprüfen und alte Muster infrage zu stellen. Und immer wieder fällt eine weitere Hülle auf dem Weg zum Kern.

 

Unter unzähligen Schalen, die ich inzwischen abgeknibbelt habe, schimmert etwas sehr Feines durch, das, je weiter ich vordringe, immer größere Kraft entwickelt. Kraft, mich Herausforderungen zu stellen und Hindernisse zu überwinden. In Momenten, wo etwas von dieser Kraft nach außen dringt, wird alles einfacher, klarer und echter. Jede Situation, jede Begegnung. Eigentlich war es immer schon da, es wollte nur gefunden werden. 

 

Die regelmäßige Yogapraxis hat das kleine Saatkorn aufgehen lassen. Mit Liebe gehegt und mit Schweiß gegossen, ist mitten aus meinem Herzen etwas gewachsen und aufgeblüht, das in meiner Vorstellung ein bisschen so aussieht wie diese Pusteblume mit der Superpower.

 

Meine Yogalehrerin von damals, Annette Hartwig, gibt heute internationale Workshops und Retreats unter dem Namen yogabija  – also Samen des Yoga. Es gibt keinen treffenderen Namen für das, was sie vermittelt und ich danke ihr täglich dafür.

 

Den Briefbeschwerer mit der Pusteblume gibt es im Minimarkt in Hamburg, auch online.



Andreas Ruthemann – Ashtanga Yogalehrer und freier Kreativdirektor

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