ACHTSAMKEIT HÄLT ALLES ZUSAMMEN

Wenn Achtsameit im Spiel ist besteht die Möglichkeit, dass alle Puzzlesteinchen ein stabiles Ganzes ergeben.
Wenn Achtsameit im Spiel ist besteht die Möglichkeit, dass alle Puzzlesteinchen ein stabiles Ganzes ergeben.

Veränderung ist eine treibende Kraft. Sie verstärkt das Gefühl, lebendig zu sein. Sich auf Neues einzulassen, sich einer Veränderung hinzugeben, bedeutet Lernen und Wachsen. Eine regelmäßige Yogapraxis bringt reichlich Veränderungen mit sich. Je regelmäßiger die Praxis, desto deutlicher werden kleinste Veränderungen spürbar und sichtbar. Doch es gibt nicht jeden Tag Geschenke. Manche Veränderungen brauchen Zeit und stellen unsere Geduld auf eine harte Probe.

 

Ich vergleiche Yoga gerne mit einem riesigen, unvollendeten Mosaik. Jede kleine Erkenntnis ist wie ein Mosaiksteinchen. Wir sammeln sie beim Üben, finden sie beim Beobachten Anderer oder bekommen sie von unseren Lehrern geschenkt. Wir bauen sie ein und mit jedem Steinchen erweitert und schärft sich das große Ganze. Eine essentielle Zutat, die in diesem Bild die Fugen ausfüllt und alles zusammenhält, ist Achtsamkeit. Der Begriff scheint manchmal etwas überstrapaziert, doch ohne Achtsamkeit fällt alles in sich zusammen. Was passiert, wenn wir in einer Asana mal nicht ganz bei der Sache sind? Sie funktioniert nicht. Oder schlimmer, wir verletzen uns. 

 

Eine echte Herausforderung an meine Achtsamkeit sind die Highlights abseits der gewohnten Praxis. Workshops, Intensives oder auch kleine Rocket Yoga Filmchen im Netz inspirieren und begeistern mich oft so sehr, dass meine Achtsamkeit schon mal in Ambition und Übermut umschlagen kann. Mit der Freude über ein neu entdecktes Detail wird dann getestet und experimentiert und – schwupps – knack – autsch – schon mal eine Grenze übertreten. Wie früher im Kinderzimmer: gibt es ein neues Spielzeug, sind alle andern vergessen und man spielt nur noch damit – bis es kaputt geht. 

 

So wird aus dem Geschenk eine Lektion. 

 

Vor kurzem habe ich mir durch übermäßiges Herumspielen mit einem neuen Steinchen eine Trizepsverletzung eingehandelt, die mich längere Zeit außer Gefecht gesetzt hat. Ich war furchtbar traurig, nicht richtig üben zu können und vermisste meine Praxis. Ich war zurückgeworfen. Nicht in meiner Asanapraxis – die erholt sich immer schnell – sondern zurückgeworfen auf mich selbst und meine Achtsamkeit. Geduld und Demut musste ich lernen. Mal wieder. In ganz kleinen Schritten von vorne anfangen. Als hätte ich die alte, ungeliebte Monopoly Karte gezogen „Gehen Sie nicht über Los. Ziehen Sie keine DM 4.000 ein”. Eine echte Demutsübung – Zwangsachtsamkeit, sozusagen. 

 

Zufrieden sein mit allem, was da ist
und mit allem, was nicht da ist. 

 

Inzwischen zeigt die Neuaufladung meiner Achtsamkeit erste Erfolge. Manchmal geht ein bisschen mehr, manchmal weniger. Mit jedem kleinen Schritt der Besserung bin ich dankbar, dass mein Körper mir solche Fehler immer wieder verzeiht, wenn auch nur langsam. Ich bin fest entschlossen, mir diese vorsichtige, herantastende Qualität im Yoga zu bewahren, die Achtsamkeit zur ständigen Begleiterin zu machen. Und es nicht drauf anzulegen, dass sie wieder zur beleidigten Spielverderberin wird. 

 

Yoga üben, nicht Yoga machen! 

 


Mein Mosaik ist durch diese Erfahrung wieder um ein Detail reicher. Mich beschleicht allerdings die Vermutung, dass es nie ganz fertig werden kann. Baue ich am einen Ende gerade ein neues Steinchen ein, fallen am anderen wieder fünf alte runter. Die Aufgaben werden schwieriger statt leichter, die Arbeit mehr statt weniger. Aber ich puzzle einfach weiter. Steinchen, die (noch) nicht passen, verlege ich nicht mit dem Holzhammer oder werfe sie weg, sondern lege sie zur Seite und probiere sie später wieder aus. Dann passen sie vielleicht. Bei aller Liebe zur Veränderung, manchmal muss eben auch alles mal bleiben wie es ist – für eine Weile. 

Fotos: Mosaik von Fritz Kronenberg an der U-Bahnstation Messberg in Hamburg.


Andreas Ruthemann – Ashtanga Yogalehrer und freier Kreativdirektor

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