DIE SCHWIERIGKEIT MIT DER LEICHTIGKEIT

 

Wie herrlich erscheint mir in stressigen Momenten der Gedanke, mal nur das zu tun, was mir leicht fällt. Mich von einem guten Gefühl beschwingt und ohne jede Anstrengung durch den Tag tragen zu lassen. Doch viel länger als einen Tag halte ich das nicht aus. Motivation, Inspiration, Spannung? FehlanzeigeUm die leichten Dinge genießen zu können, brauche ich unbedingt auch das Gegengewicht. Zwischen glutenfreiem Bio-Brot und Pommes mit Mayo, zwischen Detox-Smoothies und Erdbeereis mit Lakritzstreuseln – die Balance liegt irgendwo in der Mitte. Ich brauche die Anstrengung, um die Entspannung genießen, ja überhaupt erst spüren zu können. 

 

Man muss auch mal was Schwieriges können.

 

Das war lange einer meiner Glaubenssätze. Schwierige Dinge liegen mir und sind mir auch im Job nie wirklich schwer gefallen. Kniffeln, rätseln, harte Nüsse knacken. Meine Baustelle ist vielmehr die Leichtigkeit. Für mich müsste es eher heißen Man muss auch mal was Leichtes können. Der Schritt zum Yoga war also absehbar, Leichtigkeit lernen.

 

sthira sukham asanam.

 

Es ist kein Zufall, dass ich mich aus den vielen unterschiedlichen Stilen für Ashtanga Yoga entschieden habe. Es ist so ausgleichend, beruhigend und entspannend wie viele andere Yogastile. Jedoch nicht, ohne auf dem Weg ein paar kniffelige Herausforderungen bereit zu halten. Es fordert Regelmäßigkeit, hohe Konzentration und Hingabe – kurz: Disziplin. In jedem Moment vereint die Praxis das Leichte und das Kraftvolle in sich.

 

Patanjali nennt das in den Yoga Sutren sthira sukham asanam (46). Das bedeutet, dass Harmonie in der Haltung (asana) erreicht wird durch das Zusammenspiel von Kraft (sthira) und Gelassenheit (sukha).

 

Eine Prise Leichtes im Schweren und umgekehrt.

 

Dinge, die wir beherrschen, geben uns Sicherheit und lassen uns entspannen. Dinge, die uns nicht so liegen, ignorieren wir gerne weil sie uns stressen. Diese Gegensätze im Blick und im Lot zu halten, ist die große Herausforderung. 

 

Wie schnell verbeißt man sich wenn man eine schwierige Asana erzwingen will. Die Atmung geht schwerer, die Muskeln zittern. Dabei würde ein kleines Loslassen an der richtigen Stelle das Problem in Luft auflösen. Wie leicht schweift man ab bei dem, was scheinbar ganz einfach ist. Am T-Shirt zupfen, Fussel von der Matte wischen, am Fußnagel knibbeln. Dabei ist alles, was dieser Position erst den Sinn gibt, ein bisschen Spannung.

 

Ich war mir nicht immer sicher, ob ich dieses hohe Maß an Disziplin, das Ashtanga Yoga erfordert, über längere Zeit aufbringen könnte. Die tägliche Praxis, die wie eine zweite Partnerschaft erscheint, das frühe Aufstehen und Schlafengehen. Wie wirkt sich das auf meine Beziehung aus? Wie auf meinen Job? Meinen Freundeskreis? Und wird das nicht auf Dauer langweilig?

 

 

Keinem Piloten ist es langweilig seine Geräte durchzuchecken.

  

Jeder Schritt der Vertiefung meiner Praxis in den letzten Jahren brachte eine spürbare Verbesserung in allen Lebensbereichen mit sich. Beziehungen werden klarer und tiefer, die Konzentration bei der Arbeit leichter. Alles passt besser zusammen, wird echter und aufrichtiger. Und ob es langweilig wird, jeden Tag die gleiche Serie zu üben: Nö. Denn an keinen zwei Tagen ist es wirklich dasselbe. Die Praxis ist wie ein Barometer für Körper, Konzentration und inneren Zustand. Ob ich Lust habe oder nicht, ob es schwer geht oder leicht, alles wird gescannt. Kein einziges Mal habe ich es hinterher bereut und jedes Mal davon profitiert. 

Ein Pilot würde niemals sagen, es wäre ihm langweilig, vor dem Flug alle Geräte durchzuchecken. Keine Diskussion – es dient der Sicherheit, dem guten Gefühl, an alles gedacht zu haben und ist die beste Voraussetzung für einen entspannten Flug. So wie eine Yogapraxis für einen entspannten Tag.

 

Gegensätze ziehen sich an. Sogar die eigenen.

 

Auch wenn es nach Akrobatik aussieht, kann es sehr entspannend sein. Und auch wenn es Entspannung verspricht, es ist immer auch ein gutes Stück Arbeit – Persönlichkeitsarbeit. Der regelmäßige Dialog der eigenen Stärken und Schwächen auf der Matte kann auch auf die generelle (Selbst-) Wahrnehmung abfärben. Er kann einen inneren Kompass schaffen, der in schwierigen Situationen die Chance bietet, sich bewusster zu verhalten oder entscheiden. 


Ich bin immer wieder überrascht wenn diese innere Stimme wie aus dem Off ertönt. Sie lenkt ein, wenn ich versucht bin, mich unüberlegt oder unangemessen zu verhalten. Sie lacht mich aus und foppt mich wenn ich dabei bin, überheblich zu werden oder in alte Muster zu verfallen.
Solche Momente, in denen die Kraft des Yoga spürbar wird, sind magisch und jede Mühe Wert

 

Statt also nur unsere Stärken herauszukehren, was wenig sympathisch ist, können wir versuchen, unsere Stärken und Schwächen miteinander vertraut zu machen. Denn Gegensätze ziehen sich an, sogar unsere eigenen. Sie können zu einem guten Team werden und sich zu einem Ganzen verbinden. Und das wiegt, wie in der Liebe, mehr als die Summe der einzelnen Hälften.

 

 

Das Kopenhagener Astanga Yoga Studio hatte auf Facebook neulich einen schönen Post zum Thema„Beim Ashtanga Yoga kann sich niemand verstecken. Niemand spielt seine Stärken aus oder ignoriert seine Schwächen. Jede Stärke, Schwäche, Offenheit oder Begrenzung in Körper und Geist bekommt Aufmerksamkeit. Es gibt keine Prahlerei, keine Chance, die Aufmerksamkeit von deinen Schwachstellen auf deine imponierenden Qualitäten zu lenken. Die Haltungen, die du mit Leichtigkeit meisterst und die, mit denen du einen scheinbar aussichtslosen Kampf führst, genießen die gleiche Aufmerksamkeit – nur fünf Atemzüge, nicht mehr, nicht weniger. Das ist wie mit dem Gemüse essen: manchmal angenehm, manchmal unangenehm. Aber es gibt dir immer genau das, was du brauchst. Ob es dir gerade gefällt oder nicht.”


Die Hand, die sich erst schwerelos zum Himmel streckt, trägt im nächstem Moment das ganze Körpergewicht.
Die Hand, die sich erst schwerelos zum Himmel streckt, trägt im nächstem Moment das ganze Körpergewicht.
Die Ashtanga Yoga Praxis beginnt früh morgens während die Stadt noch schläft.
Die Ashtanga Yoga Praxis beginnt früh morgens während die Stadt noch schläft.
All die Energie, die während der Praxis aufgewirbelt wird, muss sich am Ende auch wieder setzen dürfen.
All die Energie, die während der Praxis aufgewirbelt wird, muss sich am Ende auch wieder setzen dürfen.


Andreas Ruthemann – Ashtanga Yogalehrer und freier Kreativdirektor


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