LEICHTES GEPÄCK – EINE ODE AN DAS AUSMISTEN

Nicht nur in Hamburg hat man die Wahl zwischen Großer und Kleiner Freiheit. Genau wie auf St. Pauli, wartet im Leben der kleine Unterschied oft gleich um die Ecke.
Nicht nur in Hamburg hat man die Wahl zwischen Großer und Kleiner Freiheit. Genau wie auf St. Pauli, wartet im Leben der kleine Unterschied oft gleich um die Ecke.

Heute früh beim Aufwachen lag ich mit meinem Kaffee im Bett und im Radio lief Leichtes Gepäck von Silbermond. In dem Song geht es darum, sich von überflüssigem Gerümpel und Ballast zu befreien, der uns auf unserem Lebensweg ausbremst. Von Dingen und Beziehungen, aber auch vom Ballast im Kopf und auf der Seele. Eine wunderbare kleine Ode an das Ausmisten.

 

Wenn es im eigenen Leben zu eng wird und der Fluss stagniert, schreit alles nach einem Befreiungsschlag – auf allen Ebenen reinen Tisch machen und klare Verhältnisse schaffen. Ich entdecke mich darin wieder, denn nicht nur einmal habe ich in der Vergangenheit alte Konzepte verworfen, um ganz neue Wege einzuschlagen. Jobwechsel, Umzüge, Trennungen – jede Veränderung war reinigend und brachte neue Dynamik in die Lebensreise und mich näher zu mir selbst. 

 

Gehört das wirklich alles noch zu mir?

 

Veränderungspotenzial steckt in allen Bereichen. Manchmal stehen einem Dinge im Weg, von denen man mal dachte, man müsse sie unbedingt haben. Manchmal fragt man sich, warum man angefangen hat, diesen Bekannten zu treffen, mit dem man sich nichts zu sagen hatManchmal beobachtet man an sich selbst Marotten, die einen bei anderen auf die Palme bringen. Manchmal ist die Gummibärechentüte in 2 Minuten leer obwohl man sich doch endlich gesünder ernähren wollte.

Ich frage mich dann: Gehört das wirklich alles noch zu mir? Stelle alles auf den Prüfstand, beginne auszumisten und hole mir mein Leben zurück. Um dann die neu gewonnene Freiheit und Klarheit zu genießen.

 

Eine intensive Yogapraxis kann für solche Prozesse eine große Hilfe sein, denn in den Asanas geht es essentiell darum, an der jeweils richtigen Stelle festzuhalten oder loszulassen um dann in einen harmonischen Fluss zu gelangen. Durch stetige Wiederholung werden diese körperlichen Erfahrungen verinnerlicht und beginnen im Alltag, zuerst ganz unbewusst, den Umgang mit Menschen, Dingen, Erwartungen zu entspannen. Der Blick wird offener für das Wesentliche und Überflüssiges sticht schneller ins Auge. 

Der Kern des Songs findet sich auch in den Yamas und Niyamas wieder: Aparigraha (das Loslassen von Dingen oder Nicht-Verhaftetsein) und Samtosa (die tiefe innere Zufriedenheit). Es ist also ein echtes Mantra.

 

ich kann nur eine Hose tragen und nur 20 Zigaretten rauchen

 

Wie oft man es auch probiert, dieses Loslassen bleibt ein sehr spannendes Experiment. Jedes Mal wenn ich denke, ich lasse etwas los, das ein ärgerlicher aber fester Bestandteil meines Lebens ist, mache ich eine erstaunliche Feststellung:

ich lebe noch. Und sogar besser. 

Die wirklich wichtigen Dinge verdichten sich auf diese Weise, bekommen mehr Raum und Aufmerksamkeit und gewinnen an Qualität. Das Leben nimmt wieder Fahrt auf und wird liebenswert, unabhängig von Status oder Besitz.

In einem NDR Beitrag über die Kultkneipe Erikas Eck in Hamburg antwortete neulich der charmante Koch auf die Frage, ob er nicht lieber woanders arbeiten würde, wo es mehr Geld gäbe: „Wissen Sie, ich kann nur eine Hose tragen und nur 20 Zigaretten rauchen.” Die schlichte Klarheit und innere Zufriedenheit dahinter fand ich beeindruckend. 

  

Durch zahlreiche Umzüge habe ich mit der Zeit mein Gerümpel minimiert, ich habe nicht mal mehr einen Keller. Mein Schlüsselerlebnis zu materiellem Ballast war ein Job, den ich vor Jahren in einer fremden Stadt angenommen hatte. Ein dickes Gehalt, ein Firmenwagen, eine riesige Loftwohnung – ein Yuppietraum. Binnen kürzester Zeit hat mich dieses Szenario erdrückt und ich war wie lebendig begraben. Denn das Wichtigste war nicht da: mein Herz war in Hamburg geblieben. Cut. Die Rückkehr in den Norden war wunderbar. Obwohl die neue Wohnung viel kleiner war und ich mich von vielen Sachen trennen musste, war das Leben wieder in Ordnung, es war wieder meins. Ich war glücklich und brauchte nichts.

  

Auch in unseren Köpfen stapelt sich so manch schweres Gepäckstück, das die Reise nicht gerade leichter macht. Erwartungen, Glaubenssätze, Verhaltensmuster, die regelmäßig dafür sorgen, dass wir uns selbst im Weg stehen. Eckhart Tolle hat dieses schöne Bild von den Menschen entworfen, die einen Riesensack von hausgemachten Problemen mit sich herumtragen und unter der Last „ihres Lebens" ächzen – oder dem, was sie dafür halten. Sie jammern über den Job, die Kollegen, den Partner, die Wohnung, über alles. Die Optionen wären Akzeptieren oder Verändern – doch beides tun sie nicht weil sie sich auch an ihren Problemen festhalten. Vielleicht aus Angst vor dem Leben? Ich glaube, für genau diese Menschen ist der Song geschrieben und ich hoffe, sie haben heute früh auch Radio gehört.

   

Ab heut’ nur noch die wichtigen Dinge!

 

Danke an Silbermond für den Denkanstoß.


TIPPS ZUM AUSMISTEN

Sich von Ballast zu trennen tut gut. Doch nicht alles muss gleich auf den Müll oder in Flammen aufgehen. Wenn man jemand anderem noch eine Freude machen kann, umso besser. 

 

Klamotten

Behalte nur das, was du in den letzten 12 Monaten getragen hast. Klamotten, die zu ändern oder reparieren sind, JETZT ändern oder reparieren. Alles, was länger als ein Jahr ungetragen rumgehangen hat: Raus! Z.B. zur Kleiderkammer von Caritas, Rotem Kreuz oder anderen Sammelstellen für Obdachlose oder Flüchtlinge, z. B. Hanseatic Help

 

Dinge

Schau, was du täglich benutzt oder was du gern anschaust. Woran hängt dein Herz? Wozu hast du den Bezug verloren? Was staubt nur noch ein und steht dir im Weg? Gehe auch in die dunklen Ecken (Abstellraum, Keller), sei ehrlich. Wenn du zum Sammeln neigst, probier es mal Themenboards auf Pinterest – das nimmt keinen Platz weg. Alles andere: Ebay, Flohmarkt, gemeinnützige Organisationen. 

 

Macken

 

Versuche, dich ab und zu mal von außen zu betrachten. Versetze dich in dein Gegenüber und beobachte deine Reaktionen, Angewohnheiten, Verhalten. Bist das du? Oder erkennst du vielleicht deine Eltern, Lehrer oder andere Personen wieder, die deine wahre Identität überlagern? Hierbei kann ein Coach eine große Hilfe sein.

 

Leute

 

Hier ehrlich zu sein ist der schwierigste von allen Punkten. Denn du musst es nicht nur mit dir selber ausmachen sondern es auch noch kommunizieren. Aufrichtigkeit ist fair, doch sie erfordert Mut. Rückzug ist auch ein starkes Signal und vielleicht ein Anfang um dir sicher zu werden ob du die Person nicht vielleicht doch in deinem Leben möchtest. 



BUCHTIPP

Upasana – Das gute Gefühl von Eberhard Bärr 

Was bedeutet Glück? Wovon hängt es ab und wo ist es zu finden? Das gute Gefühl, dem wir oft nachjagen, steckt bereits in uns. Es wartet nur auf die Kontaktaufnahme und ist bereit, unser lebenslanger treuer Begleiter zu werden.

VIDEO

Und hier noch das Video zu dem Song, der an diesem Morgen alles ins Rollen brachte.



Andreas Ruthemann – Ashtanga Yogalehrer und freier Kreativdirektor

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