BESSER DEN VERSTAND BENUTZEN ALS UMGEKEHRT

Wenn die Gedanken Ruhe finden, lernen wir uns selbst ganz neu kennen.
Wenn die Gedanken Ruhe finden, lernen wir uns selbst ganz neu kennen.

Neulich unterhielt ich mich mit einem Nicht-Yogi über die Veränderungen und Auswirkungen, die eine intensive Yogapraxis mit sich bringen kann. Mein Gegenüber war ein sehr gebildeter Mann mit der unübersehbaren Tendenz, sein Wissen als Statussymbol vor sich herzutragen. Auch über Yoga hatte er mal ein Buch gelesen und meinte, voll im Bilde zu sein. Ein echter Generalspezialist.

 

Interessiert folgte er meinen Schilderungen und kam zu dem Schluss, dass Yoga durchaus gut und empfehlenswert sei. Er fände es jedoch bedenklich, wenn Leute meinen, dabei ihren Kopf abschalten zu müssen. Davon hatte er mal irgendwo gehört und das ginge ihm eindeutig zu weit. Da würde man ja völlig unkontrolliert und orientierungslos durchs Leben laufen. 

 

Dank jahrelanger Ujjayi Pranayama Praxis verfüge ich über ein beachtliches Lungenvolumen und holte erstmal tief Luft bevor ich darauf antwortete. Man kann wohl sagen, dass er gründlich missverstanden hat, was Yoga im Kern eigentlich bedeutet. Keine Ahnung, was er da für ein Buch gelesen hatte. 

 

yogas-chitta-vritti-nirodhah

 

Liest man Sutra 1.2 ganz unkommentiert (gängige Übersetzung: Yoga ist das zur Ruhe bringen der Bewegungen des Geistes), könnte man Yoga tatsächlich für das Unterdrücken allen Denkens halten. Als gäbe es da keine Differenzierung. Doch was beim Yoga zum Stillstand kommt, ist nicht das gerichtete, bewusste Denken. Es sind die Affenbanden, die aus Langeweile lustig und wild in unseren Köpfen herumturnen. Die Etiketten, Rollen und Identifikationen, die wir täglich bedienen um unser Image zu pflegen. Die blinden Flecken, die wir lange nicht mehr hinterfragen. 

Demnach üben wir im Yoga schon, das Denken zu unterbinden. Allerdings nur den diffusen, unbewussten Teil. Und dazu schicken wir unser Gehirn nicht in die absolute Leere, sondern geben ihm ordentlich was zu tun, mit starker Konzentration:

 

Wir benutzen unseren Verstand statt
uns von ihm benutzen zu lassen. 

 

Denkschablonen haben im Yoga auf Dauer keinen Bestand. Wir üben, sie während der Praxis auszublenden. Das Ergebnis ist eine klarere Sicht auf die Dinge und uns selbst. Im neuen Licht können wir erkennen, was von all dem wirklich zu uns gehört.

Einmal dingfest gemacht, beginnen einen die eigenen Marotten plötzlich zu kneifen wie ein zu eng gewordenes Kleidungsstück. Eine sehr schöne Beschreibung dessen, wie es sich anfühlen kann, sich von diesem Ballast zu befreien, habe ich auf Instagram bei Sander alias theeightlimbedpath gefunden:

 

I was lost. Unable to hear the longing of my heart.

Then a spark of inspiration hit me, leaving me on fire.

Burning all that is not me.

#Ashtanga

 

Jetzt kann ich meinem Gesprächspartner vom Anfang schlecht sagen, dass er meiner Ansicht nach in seinem angehäuften Wissen, mit dem er sich so identifiziert, schlicht gefangen ist. Das wäre ganz schön anmaßend, wenn auch nicht völlig an den Haaren herbeigezogen. Also versuche ich es mit einem Bild:

 

Dem Schließen der Augen im Dunklen. 

  

Als Kinder haben wir bei Nachtwanderungen im Wald oder auf dem Weg durch den Keller immer einige Sekunden lang die Augen zusammengekniffen um anschließend im Dunklen besser sehen zu können. Wenn man für kurze Zeit das letzte bisschen Licht wegnimmt, erscheint das vorher Dunkle im Vergleich relativ hell. Silhouetten werden erkennbar und langsam aber sicher findet man im scheinbaren Schwarz Orientierung.

 

Nach meiner Erfahrung hat Yoga einen vergleichbaren Effekt. Für einen Moment lang den Gedankenstrom gezielt auszublenden wirkt wie ein Reset, ein Aufpolieren der Intuition. Wenn die Sinne sich danach wieder nach außen richten, entzerren und relativieren sich im frischen Blick Situationen – emotionale Reaktionen zerbröseln zu durchschaubaren Mustern – Bemerkungen, die vorher am Ego gekratzt haben, gehen ins Leere. Was übrig bleibt, ist echt. Klarheit und Unabhängigkeit.

  

Nicht immer gleich alles zu glauben, was im eigenen Kopf vor sich geht, ist also keine so schlechte Idee. Was sich nämlich hinter dem ganzen Zirkus verbirgt, ist unser inneres Selbst. Wer das einmal entdeckt hat, wird den Kontakt halten und sich nach und nach aus seinem Korsett schälen – um anschließend seinem Umfeld und sich selber mit mehr Klarheit zu begegnen. Und das ganz ohne gleich den Verstand zu verlieren.


Das Buch „Stille Berge” des Fotografen Michael Schnabel vermittelt einen wunderbaren Eindruck wie es ist, wenn das Auge sich langsam an die Dunkelheit gewöhnt. Die friedlichen, majestätisch anmutenden Aufnahmen verschiedener Bergmassive der Alpen sind nachts in stundenlangen Belichtungszeiten entstanden. ISBN: 3899041356 


Andreas Ruthemann – Ashtanga Yogalehrer und freier Kreativdirektor

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