DAS KULTIVIERTE GEGENTEIL

Liebesgruß oder lieblos liegengelassen? Der Unterschied liegt im Blick auf die Dinge.
Liebesgruß oder lieblos liegengelassen? Der Unterschied liegt im Blick auf die Dinge.

Bei einem meiner letzten Teacher Trainings gab es einen Philosophie Block, in dem einige Yoga Sutren besprochen wurden. Immer mehr zeigt sich, dass mich dieser Bereich des Ashtanga Yoga besonders fesselt. Das feine, subtile, unter der Oberfläche arbeitende, das, initiiert durch eine regelmäßige Praxis, eins der größten Geschenke ist, die man sich selbst machen kann.

 

DIE 5 HINDERNISSE

 

Thema des Blocks waren die 5 Kleshas, die Hindernisse, die der Umsetzung der Yamas und Niyamas auf dem Yogaweg oft entgegenstehen: Unwissenheit, Egoismus, Gier, Abneigung und Furcht (vor dem Tod). Jeder, der ein bisschen regelmäßiger Yoga übt, wird früher oder später in einem oder mehreren dieser Bereiche ordentlich mit sich selbst aneinander geraten. An diesen Stellen an sich zu arbeiten ist unbequem und verlangt Feingefühl und Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber. Denn diese Faktoren stören den Kontakt zu unserer inneren Stimme und verfälschen sie. Wir müssen filtern und genau hinhören um zu spüren, wer da gerade an unserem Frequenzregler dreht.

 

Wir besprachen einige damit zusammenhängende Sutren und fanden dafür praktische Beispiele aus unserem Alltag. Ein Sutra ist mir besonders nahe gegangen, da ich es unbewusst schon lange intuitiv anwende:

 

 2.33

vitarka-bādhane pratiprakṣa-bhāvanam 

Gängige Übersetzung: 

Bei negativen Gedanken kann das Kultivieren des Gegenteils helfen.

 

Mein Beispiel aus dem Alltag hierfür war so banal wie emotional. Eine Zeit lang habe ich mich regelmäßig darüber geärgert, wenn mein Mann zu Hause überall seine Sachen hat rumliegen lassen – hier eine offene Shampooflasche, da ein Paar Socken, in der nächsten Ecke ein Ladekabel. Dazu noch das Spielzeug und die Haare des Hundes. Das alles widersprach meinem perfekten Bild eines schönen Zuhauses. Ich konnte mich richtig hineinsteigern und mir im inneren Schimpfmonolog selber den ganzen Tag versauen.

 

Doch irgendwann begann da plötzlich dieser schräge Kobold (wohl meine innere Stimme) mir neunmalkluge Widerworte zu geben: Diese Sachen gehören zu jemandem, der in deinem Leben sehr wichtig ist.  –  Damit wollte er dich sicher nicht ärgern.  –  Denk mal zurück an die Zeit bevor er da war.  –  Stell Dir vor, er wäre einfach wieder weg.  –  Wie sehr würde dir das alles fehlen.  –  Wie leblos wäre das.  –  Und die paar Flusen. Was hast du geheult als Charlie (mein letzter Hund) gestorben ist.  –  Und wie gruselig still war die Wohnung ohne ihn.

 

Und plötzlich wurden all die Sachen, die mich kurz zuvor noch zur Weißglut gebracht haben, zu Lebenszeichen, zu kleinen Botschaften, zu Erinnerungen an die, die diesen Ort wirklich zu einem Zuhause machen. Ich habe es einfach umgedreht: habe aus Ärger Liebe und Dankbarkeit gemacht – aus herumliegenden Socken und Hundeflusen einen kleinen Liebesgruß.

 

PATANJALI REFRAMING

 

Als ich zu Hause von diesem Sutra erzählte, bekam ich von meinem Mann (Heilpraktiker für Psychotherapie und Coach) eine kurze Antwort: „Klar, das nennt man Reframing.” Beim Reframing wird einer Situation eine andere Bedeutung gegeben. Dadurch, dass bildlich gesprochen der Rahmen verschoben wird, erscheint ein neuer Bildausschnitt und die Ausgangssituation kann in einem neuen Licht betrachtet werden.

 

Verblüffend. Schon öfter haben wir festgestellt, dass es in Psychologie und Coaching Mechanismen gibt, die sich genauso im Yoga wiederfinden und wahrscheinlich sogar in diesen alten Wissenschaften wurzeln. Mit dem Unterschied dass beim Coaching jemand anderer von außen diese Technik anwendet und im Yoga wir sie selbst kultivieren. Verborgen im Inneren, wo sie die Form der eigenen Intuition annimmt. Nicht umsonst spricht man der Ashtanga Yogapraxis eine (nicht nur physische) therapeutische Wirkung zu. Wir züchten uns unseren eigenen kleinen inneren Therapeuten heran und unsere innere Stimme wird ein immer zuverlässigerer Berater.

 

Jeder Moment oder Umstand ist also wie er ist. Nicht gut, nicht schlecht. Wir selbst entscheiden wie wir ihn sehen und empfinden wollen. Den Blickwinkel zu ändern ist manchmal schwierig, macht aber vieles leichter. Für alle Beteiligten. 


VIDEO

 Ein Song, der mich seit dem Jahreswechsel bei Freunden in München begleitet und dessen Botschaft zu unserem gemeinsamen Motto des Jahres geworden ist, passt ganz prima zu diesem Thema:


Andreas Ruthemann – Ashtanga Yogalehrer und freier Kreativdirektor

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