DIE SCHÖNHEIT DES ALLTÄGLICHEN – SUSANNE WIND

Der Blick ins Atelierfenster der Malerin Susanne Wind.
Der Blick ins Atelierfenster der Malerin Susanne Wind.

Bei Spaziergängen mit meinem Hund Bastian komme ich gelegentlich an einem Schaufenster vorbei, das mein Herz jedes Mal höher schlagen lässt: es ist das Atelier der Malerin Susanne Wind. Die Motive der ausgestellten Bilder sind eigentlich unspektakulär, doch die Art ihrer Darstellung ist so verblüffend schön und berührend, dass ich mir an der Fensterscheibe regelmäßig die Nase platt drücke. 

 

INNEHALTEN IM ALLTAG 

 

Neben Dünenlandschaften und Serien von Gärten mit wehender, aufgehängter Wäsche zeigen viele der Bilder von Susanne Wind ganz alltägliche Szenen des Hamburger Straßenlebens. Nicht die Sehenswürdigkeiten, sondern versteckte Winkel mitten in der Stadt, an denen sich die Natur ein bisschen Raum zurückerobert hat. Ecken, an denen wir täglich vorbeikommen und Straßen, die uns im Alltag nie auffallen – weil wir uns selten die Zeit nehmen innezuhalten und mal genau hinzusehen. Durch die Augen von Susanne werden all diese banalen Kleinigkeiten zu poetischen Momentaufnahmen – offen und einladend. 

 

 URLAUB FÜR DIE AUGEN

 

In einem impressionistisch anmutenden Stil malt sie ihre Bilder scheinbar aus Licht, Wind und Jahreszeiten anstelle von Farben. Mit großzügigen Pinselstrichen, aus neugierigen Blickwinkeln und in Lichtstimmungen, die alles auflösen. Das Hässliche lässt sie dabei nicht aus, lässt es durch ihren Blick sogar Teil des Schönen werden. So wird z.B. eine Bauplane zur Erweiterung des Himmels und ein Graffiti an der Hauswand reiht sich harmonisch zwischen die Blüten des Vorgartens. 

 

Als ich das letzte Mal am Atelier vorbeikam nahm ich mir die Zeit, fasste mir ein Herz und ging hinein um Susanne eine kleine Liebeserklärung zu machen. Wir haben uns über ihre Bilder unterhalten und sie zeigte mir, wo und wie sie arbeitet.

Mit einer Kamera streift sie durch die Nachbarschaft auf der Suche nach Motiven. An der Staffelei malt sie anschließend mit selbstgemischten Eitemperafarben frei nach der eigenen Fotovorlage. Sie wählt meist tiefe Blickwinkel, schaut durch die Augen eines Kindes, das alles zum ersten Mal sieht. Diese Perspektive macht viel des Zaubers ihrer Bilder aus da sie für die meisten von uns eigentlich vertraut, doch fast vergessen ist. 

 

Klosterstieg, 2014, 40x60 cm
Klosterstieg, 2014, 40x60 cm
Eimsbüttler Marktplatz, 2014, 50x75 cm
Eimsbüttler Marktplatz, 2014, 50x75 cm
Septembermorgen, 2013, 50x75 cm
Septembermorgen, 2013, 50x75 cm
Blaue Stunde, 2013, 150x100 cm
Blaue Stunde, 2013, 150x100 cm

 

YOGA ALS GRUNDIERUNG

 

Was das alles mit Yoga zu tun hat? Das Betrachten dieser Gemälde versetzt mich in eine Losgelöstheit, wie ich sie ähnlich vom Yoga kenne. Die Zeit steht still und eröffnet einen ganz frischen Blick auf die Dinge. Auf die Schönheit des Alltäglichen, das an jeder Ecke geduldig wartet, während wir unserem Terminplan hinterherlaufen. 

 

Diese Assoziation zum Yoga ist gar nicht so weit hergeholt, denn Susanne beschäftigt sich tatsächlich seit Anfang der Neunziger, damals noch in den USA, mit Hatha Yoga. Seit 2005 übt sie regelmäßig bei Martina Purann in Hamburg. 

 

Susanne sagt, ihr persönliches morgendliches Yogaprogramm bietet ihr den nötigen Ausgleich zu der oft über Stunden gleichen, stehenden Position an der Staffelei. Außerdem stärkt es ihre Konzentration, bindet sie an die Gegenwart und zerstreut so überflüssige Gedanken. Um sich ihrer schöpferischen Tätigkeit hingeben zu können, braucht sie unbedingt einen ausgeglichenen Körper und Geist. Und Yoga ist eins ihrer Mittel dazu.

 

MAL SCHAUEN

 

Wenn also der Alltag demnächst mal wieder zäh wird und auch die Zeit fürs Yoga knapp, dann hilft vielleicht ein kleiner Perspektivwechsel. Einmal kurz das Tempo rausnehmen und versuchen, die Welt durch die Augen eines Kindes zu betrachten. Für einen Moment Gelerntes vergessen, Identifizierungen und Bewertungen außen vor lassen. Denn unsere Umgebung sieht so aus wie wir sie betrachten. Und wenn wir wollen, finden wir überall etwas Schönes, Inspirierendes, das uns für einen Moment alles drumherum vergessen lässt.

 

Wer mal in Hamburg Ottensen unterwegs ist, kann freitags nachmittags oder nach Vereinbarung im Atelier von Susanne Wind vorbeischauen. Und wer nicht gleich in ein Original investieren möchte, findet dort viele ihrer Bilder als Postkartendrucke oder den hübschen Bildband „Versteck im Grünen”.  

 


Morgensonne, 2012, 80x120 cm
Morgensonne, 2012, 80x120 cm
Porträt © Silke Heyer
Porträt © Silke Heyer
Sommerwäsche im Wind, 2008, 100x150 cm
Sommerwäsche im Wind, 2008, 100x150 cm


Andreas Ruthemann – Ashtanga Yogalehrer und freier Kreativdirektor

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