INSPIRATION BEDEUTET EINATMUNG

Inspiration kann so einfach sein: mit offenen Sinnen beobachten und die Eindrücke der Umgebung inhalieren.
Inspiration kann so einfach sein: mit offenen Sinnen beobachten und die Eindrücke der Umgebung inhalieren.

 

Beim Lesen eines anatomischen Artikels stolperte ich neulich über den Begriff „Inspiration” und seine eigentliche Bedeutung: Einatmung. Bis dahin war mir die Doppelbedeutung des Wortes gar nicht bewusst. Und im nächsten Moment kam auch schon eine ganze Gedankenlawine ins Rollen:

  

Die Übereinstimmung ist eigentlich ganz offensichtlich. Genauso wie wir Luft einatmen um unseren Körper mit Sauerstoff zu versorgen, saugen wir Informationen und Eindrücke in uns auf um den Geist zu beflügeln und Ideen zu entwickeln. 
Und je länger man es betrachtet, desto weniger lassen sich die beiden Vorgänge voneinander trennen. Denn atmen wir ein, ist es nicht nur Sauerstoff, der unsere Lungen füllt, sondern auch Düfte, Staub, Bakterien, Pollen und (Ab-)Gase, die in der Luft enthalten sind. Allesamt subtile Informationen unseres Umfeldes, die in unser Bewusstsein und Unterbewusstsein vordringen und so gleichzeitig unsere Intuition füttern. Könnte man also behaupten, dass wenn wir unsere Lungen erweitern, das parallel auch auf unser Bewusstsein zutrifft? Eine Interessante Idee: Atemluft als bewusstseinserweiternde Substanz. 

 

Alles ist schon da

 

Im Yoga spielt die Atmung die zentrale Rolle. Ob stille Meditation oder dynamische Asanapraxis, die Atmung ist der Leitfaden für alles Weitere und der Zugang zur Essenz: dem Augenblick. Wer bewusst atmet, wird präsent. In dieser Kombination aus Entspannung und Konzentration verlieren Zeit und Raum an Bedeutung, gewohnte Sichtweisen verblassen und der Blick auf uns selbst und die Welt wird klarer. Wir fühlen uns inspiriert durch diese neue Sichtweise.

 

Der Vorgang des Atmens ist ein Geben und Nehmen, ein ständiger Austausch. Und zwar mit allem, was uns umgibt. Im vielen indischen Philosophien gibt es die Vorstellung von allen Lebewesen als festem Bestandteil im Gefüge des großen Ganzen. Im Zen Buddhismus habe ich sogar das Bild der universellen Atmung entdeckt. Jedes Mal, wenn wir einatmen, würde demnach das Universum ausatmen. Und umgekehrt würde es jedes Mal einatmen wenn wir ausatmen. Aus dieser Sicht ist alles bereits vorhanden und verbunden im ständigen Fluss. Nichts geht verloren und vermeintlich Neues wird nur aus bereits Bestehendem immer wieder neu zusammengesetzt. 

 

Wie neu sind unsere Ideen wirklich?

 

So ähnlich wie dieser Austausch und die bewusste Atmung funktioniert auch kreatives Arbeiten. Die Inspirationsphase, also das Aufsaugen von Informationen und Eindrücken zur Ideenfindung, ist grundlegend wichtig, denn Informationen sind Ideenfutter. Auf der Suche nach Ideen werden sie gesammelt, verinnerlicht, sortiert und verarbeitet. Nach gründlichem Zerlegen in kleinste Bestandteile können die einzelnen Bausteine dann wieder neu zusammengesetzt werden. Eine Idee entsteht dann oft spielerisch und unvermittelt. Da ist dann plötzlich etwas Neues, von dem man gar nicht so genau weiß, woher es kommt. Weil es eigentlich, nur in anderer Form, die ganze Zeit schon da gewesen ist.

Am überraschendsten sind oft die Ideen, die ganz einfach und naheliegend erscheinen. Weil sie meist nur einen kleinen Schritt von unserer üblichen Sichtweise abweichen und damit schon alles auf den Kopf stellen. Doch gerade diese Ideen sind schwierig zu finden. Man muss dazu das Alltägliche aufmerksam immer wieder drehen und wenden und ganz genau anschauen. Es verinnerlichen bis sich irgendwo ein kleiner neuer Zugang öffnet, der vorher nicht zu sehen war. 

 

Ohne Entspannung keine Kreativität

 

Und was im Yoga gilt, gilt auch hier: Inspiration fließt nur dann, wenn wir entspannt sind. Wenn wir präsent sind. Ideen entstehen, wenn wir uns erlauben, einen Moment lang Dinge ganz neu sehen zu können. Ohne Entspannung und das Moment des Loslassens von Gewusstem und Gelerntem gibt es auch keine Kreativität. Ein guter Grund also für regelmäßige Pausen zum Durchatmen!  

GUTE IDEEN FÜR GUTE IDEEN:

AUFWACHEN 

Schlaf, selbst der kurze Powernap zwischendurch wirkt wie ein Reset für den Kopf. In dem Augenblick direkt nach dem Aufwachen, wenn das Bewusstsein erst wieder hochgefahren werden muss, sind wir besonders offen für neue Eindrücke.

 

DUSCHEN 

Manche behaupten, das zerstäubte Wasser beim Duschen erhöhe die Sauerstoffkonzentration in der Luft und würde so den Ideenturbo ankurbeln. Warum auch immer, bei vielen werden die Gedanken hier klarer und die Ideenmaschine läuft auf Hochtouren.

 

NICHT WARTEN 

Ob in Kassenschlangen, im Stau oder am Gate/Bahnsteig – man kann zwar körperlich nicht weg, der Geist hat allerdings ein Zeitgeschenk bekommen und kann sich richtig austoben. Also statt sie totzuschlagen, die geschenkte Zeit einfach mal nutzen. 

 

ATMEN 

Das stille Sitzen und die starke Konzentration auf die Atmung beim Pranayama haben eine reinigende Wirkung auf den Geist. Gedanken fließen anschließend meist geordneter und klarer.

 

STÖBERN

Das Gegenteil: Fülle statt Leere. Eintauchen in eine Flut von ungeordneten, aus dem Zusammenhang gerissenen Eindrücken hält viele Überraschungen bereit, zum Beispiel auf dem Flohmarkt oder in Trödelläden. Hier fallen mir oft gute Ideen direkt vor die Füße. Meine Freundin Petra Zarre hat dem Thema Flohmärkte einen wunderbaren Blog gewidmet: Prey of the Day.

Warum die Notwendigkeit nicht einfach für sich arbeiten lassen? © Los Piratoz
Warum die Notwendigkeit nicht einfach für sich arbeiten lassen? © Los Piratoz


Andreas Ruthemann, Ashtanga Yogalehrer und freier Kreativer.

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