TAPETENWECHSEL IM OBERSTÜBCHEN

Unser Weltbild wird bestimmt durch unser Wissen, persönliche Vorlieben und Erfahrungen. Nur wenn jeder die Welt anders sieht, wie sieht sie dann wirklich aus?
Unser Weltbild wird bestimmt durch unser Wissen, persönliche Vorlieben und Erfahrungen. Nur wenn jeder die Welt anders sieht, wie sieht sie dann wirklich aus?

Unser Selbst- und Weltbild orientiert sich meist an Werten, die wir gelernt und übernommen haben. An Zielen und Idealen, die uns eine Richtung geben. Eine bunte Mischung aus Wissen, Erfolg und Vermögen – Eltern, Lehrern und Weltanschauungen – Moden, Medien und Meinungen. Aus diesen Bausteinen bauen wir uns – größtenteils unbewusst – unsere Identität auf. Wie ein Jugendzimmer, das bis unter die Decke geschmückt ist mit Bildern, Zitaten und Urkunden, die unsere Sicht bestätigen. Diese gemütliche kleine Festung ist unsere ganz persönliche Version der Realität und alles passt perfekt zusammen – hier, in unserem Oberstübchen.

 

Viele Menschen verbringen ihr ganzes Leben in diesem Raum ohne ihn jemals zu verlassen. Dabei wartet draußen noch so viel Anderes. Wer offen dafür ist, mal einen Schritt aus seiner Komfortzone heraus zu wagen, dem bietet Yoga ein ideales Werkzeug und die Gelegenheit, eine neue Sicht auf sich und sein Leben zu bekommen. Im Yoga führen die meisten gewohnten Muster zu nichts. Auf der Matte heisst es: Loslassen. Erwartungen, Ehrgeiz, Konkurrenzdenken und Perfektionismus sind nur einige Angewohnheiten, die jeden Fortschritt im Yoga verhindern. Solche Marotten nur für kurze Momente auszuschalten kann schon zu ganz neuen Erfahrungen führen. Und mit ein bisschen Ausdauer ist noch eine ganze Menge mehr drin. Das folgende Szenario beschreibt bildlich das Potenzial, das in Yoga steckt, und wie es buchstäblich frischen Wind ins Oberstübchen bringen kann.

Eine Reise mit Abenteuerpotenzial

 

Du weisst wer du bist, wie deine Welt funktioniert und was richtig und falsch ist. Dein Oberstübchen ist perfekt eingerichtet. Alle Wände darin sind tapeziert mit Bildern, Souvenirs und Trophäen – zufällig ist noch eine kleine Stelle frei. Du bist schon länger neugierig auf Yoga und willst dir ein Bild davon machen, das diese Lücke zieren soll. Du gehst in ein Yogastudio und begibst dich auf eine Reise mit Abenteuerpotenzial. 

 
Als du deine erste Yogaklasse besuchst, bist du überrascht weil du dachtest, Yoga wären bloß Turnübungen und jetzt sollst du plötzlich deine Gedanken zur Ruhe bringen. Du stellst dich der Aufgabe und auf diese Weise verlässt du vielleicht zum ersten Mal für ein paar Augenblicke dein vertrautes kleines Oberstübchen. Hinterher hängst du zufrieden das neue Yogabild auf, das du dir gemacht hast.

 

Nachdem du das ein paar Mal wiederholt hast fällt dir plötzlich auf, dass eines deiner Bilder nicht ganz gerade hängt. Wenige Zeit später sind es schon zwei, dann drei. Routiniert rückst du sie immer wieder zurecht doch bald wird es dir lästig. Du nimmst sie einfach ab und stellst sie beiseite. 

 

Nach regelmäßigerem Üben erlebst du beim Yoga mal eine solche Stille, dass es dir gelingt, dein Oberstübchen wie von außen durch ein Fenster zu betrachten. Obwohl drinnen alles aussieht wie gewohnt, wirkt es aus dieser Sicht irgendwie merkwürdig, ja fast schrullig. Der Perspektivenwechsel macht dich neugierig und du öffnest dieses Fenster zum Lüften. Der frische Wind fegt ein paar weitere Bilder von der Wand. Und weil das ständige Aufräumen mühselig wird, stellst du sie auch einfach in die Ecke.

 

Einmal bist du beim Yoga und alle Fenster und Türen öffnen sich gleichzeitig. In einem strammen Durchzug flattern alle möglichen Bilder wild durch die Luft und zum Fenster hinaus. Danach sieht es in deinem Oberstübchen plötzlich komplett anders aus. Der Raum ist lichtdurchflutet. Überall, wo zuvor Tapeten und Bilder waren, sind jetzt Fenster. Klar und transparent, von innen wie von außen.

 

Du bekommst einen vagen Eindruck davon, wie begrenzt deine kleine Welt immer war. So als hättest du dich selbst regelrecht in einer kleinen, gemütlichen Festung eingesperrt. Dieses Erlebnis dauert vielleicht nur einen kurzen Moment an, doch es ist nachhaltig beeindruckend. Die gewohnten Wände bauen sich immer wieder auf, doch du übst dich und lernst langsam durch sie hindurch zu sehen. 

Durch die Wand im eigenen Kopf

Der Moment, in dem der Geist ganz klar wird, ist die Essenz von Yoga. Ein Augenblick der inneren Stille, der genauso schnell wie er kommt, auch wieder verschwindet. Ein Augenblick, in dem eine Ahnung entsteht, dass unendlich viel Raum da ist – für alles und jeden.

Auf der ganzen Welt üben Yogis regelmäßig, hingebungsvoll und geduldig für diesen Moment. Wie fröhlich singende Popstars, die sich, auf einer Abrissbirne sitzend, durch die Mauern in ihren eigenen Köpfen schwingen. 



GALERIE

Nicht jede Sicht auf die Welt wirkt auch von außen so perfekt, wie man sie aus der Innensicht wahrnimmt.

VIDEO

Ein alter Lieblings-Song von mir beschreibt sehr hübsch, wie das gemütliche Oberstübchen schon mal leicht zum Knast werden kann:

Take a moment if you dare

Catch yourself a breath of air

There's another life out there

And you should try it

...



Andreas Ruthemann, Ashtanga Yogalehrer und freier Kreativer.

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