FRÜHLING, SOMMER, HERBST, WINTER UND YOGA

 

Ein Blick in mein Yogatagebuch, das ich seit ein paar Jahren parallel zu meiner Ausbildung führe, hat mir neulich wieder einmal bestätigt, was ich schon länger im Gefühl hatte. Parallel zu der recht linear verlaufenden Entwicklung, die auf Lernen und Erfahrung beruht, gibt es einen weiteren Faktor, der meine Praxis maßgeblich beeinflusst. Einen, der sich in mehr oder weniger regelmäßigen Wellen bewegt: der Einfluss der Jahreszeiten. 

 

Kein Tag ist wie der andere und auch unser Körper fühlt sich täglich entsprechend anders an. Eine achtsame Yogapraxis schult ein feines Gespür für kleinste Veränderungen im Alltag, macht kleinste Ausschläge auf der Skala des persönlichen Befindens spürbar. Verfolgt man diese Ausschläge über einen längeren Zeitraum, wird hinter der wilden Zickzacklinie sehr wahrscheinlich eine Kurve erkennbar, eine Art Zyklus, der im Jahresverlauf immer wiederkehrende Hoch- und Tiefphasen hat.

 

Meine Yogafreundin Silke sagt immer, sie könne sich nur im Sommer in ihrer Praxis so richtig entfalten während im Winter ihr Fokus hauptsächlich darauf liege, sich nicht zu verletzen. Viele Yogis schwärmen vom Sommer, der Wärme und Yoga Retreats in warmen Ländern, wo der Körper geschmeidiger wird und die Bewegungen leichter. Das klingt eigentlich logisch und trotzdem verhält es sich bei mir komplett entgegengesetzt. 

Lange dachte ich, ich wäre mit meiner Abneigung gegen Hitze ein Exot, doch so ganz allein bin ich mit meiner Vorliebe für die Wintermonate wohl doch nicht. Bei einer kleinen Umfrage hat sich gezeigt, dass zwar die Mehrheit den Sommer bevorzugt, doch immerhin auch eine ganze Menge (32%) den Winter fürs Yoga lieben.

 

Das Kartoffelsack-Feeling

 

Meine persönlich besten Zeiten für ein gutes Körpergefühl sind die Herbst- und Wintermonate. Wo andere eine Ruhephase einlegen, beginne ich Fortschritte zu machen. Moderate Raumtemperaturen erlauben die Entwicklung von innerer Wärme, die regulierbar bleibt. Ein leichtes Schwitzen bringt Geschmeidigkeit bei gleichzeitiger Kontrolle. Die Luft ist frisch, die Atmung bleibt leicht und fließt ohne Anstrengung, meine Praxis bekommt eine klare, konzentrierte und kraftvolle Qualität. 

 

Zusätzliche Hitze von außen empfinde ich als eher unangenehm und die Sommermonate sind für mich jedes Jahr ein Härtetest. Die äußere Wärme macht es mir schwer, irgendeine Form der Körperspannung zu halten. Starkes Schwitzen macht die Bewegungen unsauber. Die Luft fühlt sich dünner an, die Atmung wird schwerer und das Körpergefühl geht in Richtung Kartoffelsack. 

 

Vor kurzem kam mir endlich eine einleuchtende Idee warum das so sein könnte: Ich habe einen allgemein eher weichen Muskeltonus, der bei hochsommerlichen Temperaturen in eine derart tiefe Entspannung kommt, dass Savasana (Leichenhaltung) die einzig angemessene Position für mich wäre. Jegliche Körperspannung schmilzt dahin, Kartoffelsack-Feeling pur, erhöhte Verletzungsgefahr.

Auch mein einmaliger Ausflug in ein Bikram Yogastudio vor vielen Jahren belegt diese Vermutung. Abgesehen davon, dass ich während des Unterrichts die meiste Zeit kurz vor der Ohnmacht stand, waren meine Muskeln und Bänder anschließend derart überdehnt, dass ich noch wochenlang Schmerzen hatte (nein, keinen Muskelkater). 

 

Be patient with yourself – nothing in nature blooms all year.

  

Dank dieser Beobachtungen habe ich meinen Frieden gefunden mit der Einsicht, dass ich nicht das ganze Jahr hindurch auf dem gleichen Niveau praktizieren kann. Das Sprichwort „Be patient with yourself – nothing in nature blooms all year” bringt diese Beobachtung sehr versönlich auf den Punkt und nimmt ein gutes Stück Leistungsdruck aus der ganzen Sache (Ich weiß, den macht sich offiziell sowieso niemand).

 

Anders als bei Pflanzen, die wachsen, blühen, Früchte tragen und verwelken, ist der Wandel der Jahreszeiten am menschlichen Körper bis auf die Färbung des Teints nicht wirklich erkennbar. Das bedeutet aber nicht, dass da nichts passiert, denn wir spüren den Unterschied genau. Wir fühlen uns zu allen Jahreszeiten unterschiedlich und passen ihnen unser ganzes Leben an – in Schafrhythmus, Kleidung, Ernährung, etc. Warum also nicht auch unsere Yogapraxis?


Gestehen wir uns auch in der Yogapraxis Phasen zum Säen, Wachsen, Ernten und Ruhen zu, kommen wir in einen natürlichen Fluss und geben uns ohne Widerstände diesem Kreislauf hin. Ohne die Angst, etwas nicht zu erreichen oder für immer zu verlieren. Die Gewissheit, dass es Dinge gibt, die nicht in unserer Macht stehen, erleichtert das Loslassen. Und die Zuversicht, dass sich alles Unangenehme auch immer wieder ins Gegenteil wenden kann. Wir können positiv einwirken, in dem wir uns in starken Phasen nach Lust und Laune austoben, uns aber auch in schwächeren Phasen die Ruhephasen nehmen, die wir brauchen. Und das muss, je nach persönlicher Vorliebe, kein Winterschlaf sein. Ein regelmäßiger achtsamer Blick auf den inneren Zustand ist dabei der beste Berater.

 

Das Praxistagebuch

 

Das Führen eines Praxistagebuchs ist zu diesem Zweck eine feine und sehr aufschlussreiche Sache. Auch wenn man anfangs vielleicht nicht so recht weiss, was man aufschreiben soll – einfach anfangen! Mit der Zeit wird der Blick für Veränderungen klarer. Allein die Perspektive aus der man schreibt, verändert sich über die Jahre. Jedes Mal wenn ich in meinen Büchlein blättere, fällt mir etwas anderes auf. Die Aufzeichnungen zeigen mir zum Beispiel ganz klar, wie sich meine Haltung und mein Blick auf die Praxis im Laufe der Jahre verändert hat. Wo ich anfangs hauptsächlich damit beschäftigt war, kleinste Fortschritte bei einzelnen Asanas minutiös festzuhalten, notiere ich heute nur noch knapp was ich geübt habe, dafür aber umso ausführlicher den Zustand, in dem ich mich befand. Und wer weiß was ich in ein paar Jahren aus den Aufzeichnungen von heute lese?

 

 Was schreibe ich bloß?

 

Hier sind ein paar Eckpunkte für das Führen eines Yogatagebuchs, die helfen können, über die Zeit verschiedene Entwicklungen abzulesen und die eigene Praxis differenziert betrachten zu können: 

 

• Datum, Tageszeit, Ort, Mondphase

• Mit Lehrer oder Selfpractice

• Länge und Zusammensetzung der Praxis

• mit oder ohne Pranayama 

• Qualität der Praxis: sanft, kraftvoll, anstrengend, ...

• Verletzungen oder Krankheiten

• Konzentrationsfähigkeit, Wachheit, Müdigkeit

• Verfassung vorher und nachher (Gefühle, Emotionen, Kraft)

 


 

EIN PAAR LIEBLINGSSTÜCKE

Taschenkalender: LEUCHTTURM

Füller: KAWECO BRASS

Kugelschreiber: CARAN D’ACHE/Paul Smith

Vasen: Flohmarkt


Andreas Ruthemann, Freier Kreativer und Ashtanga Yogalehrer

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