ALLER GUTEN DINGE SIND 3 – TRISTHANA

 

Die Asanas, mit denen ich am meisten kämpfe, sind oft die, von denen ich eine genaue Vorstellung habe, wie sie auszusehen haben. Manchmal mühe ich mich ab, ein Bild nachzustellen und kriege es einfach nicht hin. Dabei weiss ich gleichzeitig genau, dass es eben solche Vorstellungen sind, von denen ich mich beim Yoga eigentlich lösen soll. Mit all den tollen Instagram Bildern im Kopf, Länge und Leichtigkeit finden – wo denn bitte? Fließend und großzügig atmen – wohin denn bitte? Mit dieser Zielsetzung einen wachen, bobachtenden und wertfreien Blick auf das Innere richten? Unmöglich. 


Wenn mir eine herausfordernde Asana nach dem tausendsten Versuch schließlich doch gelingt, habe ich meistens etwas minimal anders gemacht als sonst. Und so gut wie jedes Mal ist der Schlüssel dazu Tristhana, der Ashtanga-typische Konzentrationsdreiklang, bestehend aus Atmung, Bewegung – genauer gesagt, der Synchronisation von Atmung und Bewegung (Vinyāsa), wobei die Atmung die Bewegung führt und nicht umgekehrt – und Drishti (Blickrichtung der Augen um die Konzentration innen zu halten und den meditativen Aspekt zu verstärken).

 

CLOWNS UND ARTISTEN

 

Ein bisschen wie bei der Jonglage mit drei Bällen, sind für Tristhana Konzentration, Präsenz und stetige Wiederholung gefragt. Nur so kann am Ende aus einem Gefühl wie ein verkrampfter Knoten so etwas wie Leichtigkeit entstehen. Wenn also eine Asana nach dem hundertsten Versuch plötzlich für dich funktioniert, ist es nicht nur Glück, sondern wahrscheinlich ein Moment, in dem es dir gelungen ist, alle drei Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten. In solchen Momenten wird das Erleben der Yogapraxis zum Selbstzweck und das ist die schönste Belohnung für geduldiges, unverzagtes Üben.

Tristhana ist und bleibt eine Herausforderung. Mit diesen drei Bällen jonglierend, fühlt man sich anfangs die meiste Zeit wie der tollpatschige Clown in der Manege. Doch mit ein bisschen Hingabe und Ausdauer kann sich alles wandeln und aus dem Clown wird vielleicht noch ein Artist.

 

Augenblicke, in denen das scheinbar Unmögliche gelingt, sind die Wiedergutmachung für alle erfolglosen Versuche auf dem Weg. Ein Knoten geht auf, eine ganze Asana entfaltet sich und Leichtigkeit wird möglich. Dehnung, Streckung, Drehung, Atmung – alles wird angenehm. Alle Anweisungen des Lehrers, die man schon hundertmal gehört hat, bekommen plötzlich einen Sinn: „finde Länge”, „finde Weite”, „atme ruhig und weich” , ...

Denn vieles, was der Kopf längt weiß, ist noch lange nicht verstanden bis man es einmal selbst gespürt und erlebt hat. Und oft liegt der Schlüssel zu einer Haltung an einer ganz anderen Stelle als vermutet. Hat man ihn dann einmal gefunden, passt er beim nächsten Mal wahrscheinlich wieder. Wahrscheinlich. Wenn man ihn nicht wieder verbummelt.

 

EIN TOURIST IN DER SEHENSWÜRDIGKEIT DES EIGENEN KÖRPERS

 

Sicher kommt auch der Moment, in dem der Kopf sich wieder einschaltet: „Na endlich. Warum denn nicht gleich so? Ich hoffe, du hast dir jetzt genau gemerkt wie das ging.” Wie ein Tourist in der Sehenswürdigkeit des eigenen Körpers versucht man dann hektisch alle Details festzuhalten, Schnappschüsse zu machen und schwupps – fällt ein Ball nach dem anderen runter und die Leichtigkeit ist weg. Wer erinnert sich nicht an die Sekunde der Freude über seinen ersten gelungenen Kopfstand und den gleich darauffolgenden Schrecken, der das Ganze augenblicklich wieder zum Umfallen gebracht hat?

Wenn es in solchen Momenten gelingt, ruhig zu beobachten, gleichmäßig zu atmen, den Blick und die Mitte stabil zu halten – also möglichst alle Aspekte von Tristhana zu beachten – findet man Orientierung und kann sich so den Weg fürs nächste Mal merken. 

 

LERNEN VON SICH SELBST

 

Die notwendige Ruhe für solche Momente finde ich am besten in einer entspannten Selfpractice. Nicht umsonst wird das Kultivieren einer eigenen (Ashtanga) Yogapraxis als essentiell angesehen um das Gelernte zu verinnerlichen und tiefer zu verstehen. Mit sich allein auf der Matte sind viele Ablenkungen wie Blickkontakte, Geräusche oder Bewegungen im Augenwinkel ausgeschaltet. Die Stille wird intensiver, die Aufmerksamkeit höher, die Präsenz klarer. Die größten Schlüsselerlebnisse in meiner Praxis hatte ich selten im Unterricht, sondern fast immer mit mir allein. 

 

STETIGE VERÄNDERUNG

 

So wie die eigene Yogapraxis, unterliegt auch die Tätigkeit als Yogalehrer einem stetigen Wandel. Nach zwei Jahren in fester Studiokonstellation bei Monkey Mind Yoga gehe ich nun den nächsten Schritt, gemeinsam mit 2 befreundeten Lehrern. Wir werden im nächsten Jahr ein neues Ashtanga Yoga Studio in Hamburg an den Start bringen – zu dritt. Und welcher Namen wäre für dieses Studio passender als Tristhana?

Am 07. Januar ist Eröffnung, am 08. Januar startet das Programm und auf unserer Website kannst du jetzt schon mal reinschauen.

Wir freuen uns wie verrückt und hoffen, dich auch mal bei uns begrüßen zu dürfen.


Andreas Ruthemann, Ashtanga Yogalehrer und freier Kreativer.

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