BEI SHARATHJI IN KOPENHAGEN

 

Schon lange hatte ich mit dem Gedanken gespielt, einmal nach Mysore zu reisen, zu den Wurzeln des Ashtanga Yoga. Einmal bei der Familie Jois Yoga üben und den Geist der Tradition atmen. Doch ich fand immer wieder Gründe, es aufzuschieben. Als ich sah, dass Sharathji nach Europa und sogar in meine Lieblingsstadt Kopenhagen kommen würde, gab es für mich keine Ausrede mehr. Ich meldete mich sofort an und mein Abenteuer nahm seinen Lauf. Den Text zu diesem Erlebnis wollte ich eigentlich schon letzten Sommer schreiben. Damals ahnte ich allerdings noch nicht, wie nachhaltig die Veränderungen sein würden, die folgten. 

 

Bestandsaufnahme

 

Bei der Registrierung zum Workshop sollte man den aktuellen Stand seiner Praxis angeben. Ich antwortete wahrheitsgemäß, wohl wissend, dass es noch das eine oder andere Nadelöhr gab. Mutig (und naiv) trug ich mich für 2 Tage Led Primary und 3 Tage Led Intermediate ein. Die zweite Serie hatte ich zwar immer nur im Mysore Style geübt, aber ich wollte ein Abenteuer und keinen Urlaub. Und so viel kann ich schon verraten: ich wurde nicht enttäuscht.

Mit der Anmeldebestätigung kam eine Liste von Dos and Don’ts für die zweiten Serie. Einige davon easy, andere unerreichbar. Mir war klar, Sharathji würde mich früher oder später stoppen, darauf stellte ich mich ein. Die Vorfreude auf den Workshop erzeugte in mir ein Gefühl irgendwo zwischen frisch verliebt und rasender Prüfungsangst.

 

Die Zeit bis zum Workshop

 

Ich wollte gut vorbereitet sein und das halbe Jahr bis zum Workshop nutzen. Ich nahm meine Praxis unter die Lupe und nahm ein paar Veränderungen vor – einige davon waren gut, andere eher weniger.

 

Gute Veränderung:

Nach einer alten Meniskusverletzung hatte ich mir angewöhnt, allen Lotus-Positionen auszuweichen, obwohl es keine Beschwerden mehr gab – also mehr Bequemlichkeit als Achtsamkeit. Ich tastete mich regelmäßig und geduldig heran und siehe da: schon nach ein paar Wochen war der Lotus möglich und wurde sogar bequem.

 

Weniger gute Veränderung:

Die zweite Serie übte ich viel zu unregelmäßig um wirklich in einen Fluss zu kommen. Immer wieder musste ich kleine Pausen machen. Das ließ ich mir nicht mehr durchgehen und peitschte mich fortan zwei bis dreimal die Woche bis Piñca Mayūrāsana. Auch hier zeigte sich schnell eine Veränderung: ich fühlte mich oft schwach, müde und wie verprügelt. Ich war in die Leistungsfalle getappt, hätte mir das aber niemals eingestanden. 

 

Velkommen til København

 

Mit Koffer und Matte in Kopenhagen anzukommen war herrlich. Dänemark ist wie ein zweites Zuhause für mich und ich lerne seit vielen Jahren die Sprache. Die Woche würde toll werden: morgens Yoga, dann ein bisschen Radfahren, viel Nichtstun und auf gar keinen Fall irgendeine Form von Plänen machen. Ich bezog ein hübsches Zimmerchen in Østerbro, machte den Einkauf für die nächsten Tage, lieh mir ein Fahrrad und holte mir im Studio meine Access Card ab. Am Abend vor dem ersten Workshoptag ging ich früh schlafen, doch bekam ich vor lauter Aufregung kein Auge zu.

 

Das erste Mal

 

Am ersten Morgen strömten ca. 500 Ashtangis aus der ganzen Welt in die große Halle. Ich fand einen Platz mittendrin, einen Mattenabstand von 10 cm zu allen Seiten. Die Dimension dieser Veranstaltung war überwältigend. Yoga im eigentlichen Sinn von Verbindung war im ganzen Raum spürbar. Wir wünschten uns gegenseitig „Viel Spaß” und als Sharathji als letzter die Halle betrat, verschmolzen alle zu einem einzigen stillen Lächeln. Ein letzter kurzer Moment der Aufregung, dann erklang das Mantra und auf „Ekam – inhale” hoben sich hunderte Arme wie von allein in die Luft. Synchron mit der Masse floss ich durch die vertraute Bewegungssequenz und genoss die freundliche, humorvolle Stimme, die jeden einzelnen Atemzug zählte. Nach einem sehr kurzen Savasana war der ganze Zauber in nicht einmal anderthalb Stunden vorbei. Am zweiten Tag das gleiche Programm, nur wesentlich ruhiger, weil ich ausgeschlafen war und wusste, was mich erwartet.

  

Das zweite erste Mal

 

Dann ging es an die zweite Serie – und ans Eingemachte. Heute wünschte man sich gegenseitig „Viel Glück” und mich beschlich das ungute Gefühl, mich etwas übernommen zu haben. Die Gruppe war wesentlich kleiner: nur etwa 100 Personen. Der Anfang lief gut. Standpositionen, der Übergang in die zweite Serie und die ersten paar Āsanas gingen flüssig und sauber. In Bhekāsana kassierte ich die erste kritische Bemerkung und als ich nach Kapotāsana in der Kindhaltung blieb während andere sich schon eifrig gegenseitig in Supta Vajrāsana unterstützten, hörte ich die erlösenden Worte „You stop here”.  Die Gruppe der Übenden wurde immer kleiner und der Ton immer unnachgiebiger und strenger. Am Ende waren etwa 30 Leute übrig. Zur Schlusssequenz kamen wieder alle zusammen und als ich bei den Dropbacks einen Rückzieher machte, war klar, dieser spannende Ausflug war für mich hier zu Ende. Glücklicherweise war ich nicht sonderlich enttäuscht darüber.

 

 Zurück auf Los

 

Am nächsten Morgen erschien ich wieder zur Primary und genoss den Fluss und das wohlige Gefühl, mich in einem angemessenen Rahmen zu bewegen. Der Rest der Woche war herrlich leicht und harmonisch. Sharathjis Stimme klang wieder freundlich und die Gruppe war wieder Eins.

Zum Wochenende gab es dann die Conference. Sharath erzählte viele interessante Dinge über Yoga auf der Matte und im Alltag und ich fand viele meiner eigenen Erfahrungen bestätigt, besonders die Erfahrungen der letzten Tage. Sie verschafften mir einen kristallklaren Blick auf den Punkt, an dem ich stand, besonders das Maß meiner Āsanapraxis betreffend. Sharathji schreibt auch in seinem Buch zu diesem Thema:

 

Eine Asana sollte perfekt beherrscht werden bevor die nächste erlernt wird. Auf diese Weise werden Kraft, Stabilität und Gesundheit etabliert.

Zu viele Asanas zu schnell zu lernen, bewirkt das Gegenteil und schwächt den Körper.

 

Es war eigentlich nichts Neues. Doch ich musste es am eigenen Leib erfahren und begriff es tatsächlich erst in dieser Situation. Der beste Lehrer ist und bleibt eben doch die eigene Erfahrung.

 

Schon wieder Veränderungen

 

Die abschließenden Worte Sharathjis klangen – besonders nach den etwas schärferen Tönen in den Intermediate Klassen – wieder sehr liebevoll und auch ein bisschen selbstironisch: Es ist egal ob Ihr mich mögt oder nicht, hört nicht auf damit, Yoga zu üben. 

Noch nie hatte ich einen so schonungslos klaren Blick auf meine eigene Praxis – die Schwächen, die blinden Flecken, die Ambitionen. In den folgenden Monaten machte ich ein Experiment. Ich war wieder streng, aber dieses Mal anders. Ich konzentrierte mich ausschließlich auf die erste Serie. Basisarbeit, achtsames Üben in Resonanz mit Atmung und Bewegung. Wo es hakte, arbeitete ich geduldig und ohne auszuweichen. Die kleinen Hindernisse genauso ernst nehmen wie die großen Ziele. Das war sehr heilsam und meine Praxis hat sich dadurch wieder einmal komplett verändert. Sie ist noch weicher, fließender und entspannter geworden und langsam wage ich mich auch wieder an die zweite Serie, allerdings wesentlich achtsamer als vorher und nie weiter als es meine Tagesform erlaubt. Der Unterschied ist riesengroß.

 

Auch wenn hier viele Beispiele anhand von Āsanas beschrieben werden, ist es meine innere Haltung, die sich durch Yoga immer wieder stark verändert. Die Āsanapraxis dient mir dabei als Spiegel, der mir zeigt, ob die Ideen des Yoga wirklich in mir ankommen und fruchten. Denn den Anfang muss man immer bei sich selber machen. 

Was ich gelernt habe

 

Nichts geht verloren. Obwohl Sharathji mit 500 Leuten in einem Raum war, hatte ich nie das Gefühl, nicht wahrgenommen oder erreicht worden zu sein. Die Lehre ist in all ihrer Klarheit lebendig geworden und hat den gesamten Raum ausgefüllt. Dadurch konnte ich vieles besser verstehen und mehr Resonanz und Eigenverantwortung kultivieren. 

 

Jeder Moment zählt. Die Dauer und der Ort einer Yogareise ist nicht ausschlaggebend. Eine Woche kann viel bewirken, es muss nicht gleich der volle Monat in Mysore sein. Wobei ich sicher bin, dass dort noch eine ganze Menge mehr zu holen ist. 

 

• Practice what you teach. All die Dinge, die ich erlebt und erfahren habe, wusste ich in der Theorie schon längst. Keinem meiner Schüler würde ich je etwas anderes raten. Doch die eigene Erfahrung, sei sie noch so unerfreulich, ist am lehrreichsten durch nichts zu ersetzen.

 

• Dem System vertrauen. Warum sich mit Āsanas herumquälen, für die man noch nicht bereit ist, statt geduldig den Weg dahin zu bereiten? Denn alles baut logisch aufeinander auf und kein Haus steht sicher auf einem wackeligen Fundament. Am Ende ist nichts unerreichbar – man darf es nur nicht zu sehr wollen.


IMPRESSIONEN vom Workshop

Die offizielle Galerie zum Workshop mit Sharathji im August 2017 vom Gastgeber-Studio Astanga Yoga Copenhagen.



Andreas Ruthemann, Ashtanga Yogalehrer und freier Kreativer.


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