YOGA OHNE PAUSE IST AUCH NUR STRESS

  

Letzte Woche wurde ich von meinem Körper unsanft daran erinnert mal wieder eine Pause einzulegen. Zwischen eigener Yogapraxis, diversen Yogaklassen, Vertretungen, Einsteiger-Wochenenden, Workshops, Teacher Trainings und nicht zu vergessen dem ganz normalen Bürojob, blieb mir in den letzten zwei Monaten nicht gerade viel Zeit für Ruhepausen. Das Ergebnis: es hat mich komplett umgehauen und ich musste eine ganze Woche im Bett bleiben.

Dieses Ungleichgewicht kannte ich sonst nur aus meiner Agenturvergangenheit und genau das war damals der Hauptgrund mich zu beruflich zu verändern. Eigentlich habe ich inzwischen gut gelernt mit meiner Energie zu haushalten. Aber dieses Mal habe ich mir wohl doch ein bisschen zu viel zugemutet und darüber das Wichtigste vergessen: Pausen zu machen. Was im Job ganz normal ist, ist auch im Yoga nicht zu unterschätzen –  als Schüler wie als Lehrer.

 

Gerade im Ashtanga Yoga geraten wir schnell an unsere Grenzen. Es gilt zwar, diese immer wieder neu zu erkunden und auszuloten, allerdings auch sie zu respektieren und nicht zu überschreiten. Die empfohlene Daily Practice (6 Tage pro Woche, ein Tag Pause – immerhin) stellt die Achtsamkeit auf eine harte Probe und wird nicht selten zur Leistungsfalle. Dabei verlangt niemand, dass wir täglich 2 Stunden das volle Programm üben und uns dabei verausgaben – ganz im Gegenteil: die Praxis sollte immer angenehm sein und uns entspannt und gestärkt in den Tag gehen lassen.

Wie so oft sind es die eigenen Ansprüche und Werte, die uns dabei im Wege stehen. Eine 6-tägige Yogapraxis zeugt von eiserner Disziplin, ist aber auf Dauer kontraproduktiv, wenn das richtige Maß fehlt und wir uns anschließend erschöpft und geschwächt fühlen. Eine tägliche Praxis mit einem Pensum, das gut zu schaffen ist, in unseren Alltag passt und mit Achtsamkeit geübt wird, wird immer belebend und inspirierend sein. 

Wird es anstrengend, hat es meist mit der inneren Haltung zu tun. Das Setzen von hohen Zielen erzeugt Leistungsdruck und verhindert, dass der innere Frieden sich einstellen kann. 

 

L’art pour l’art

 

Der kunsttheoretische Begriff „l’art pour l’art”, der besagt, dass Kunst sich selbst genügen, um ihrer selbst Willen entstehen und sich keinem äußeren Zweck unterordnen sollte, passt übertragen auch ganz wunderbar auf die Idee von Yoga. Und er findet sich sogar in ähnlicher Form in den Yoga Sutren wieder:

 

Abhyasa vairagyabhyam tan-nirodhah

(Regelmäßiges Üben ohne Anhaftung an das Ergebnis führt zum Zustand des Yoga)

 

Die Yogapraxis einfach auf sich zukommen und wirken zu lassen, ist und bleibt die große Herausforderung. Und die Art wie Yoga in den Medien präsentiert wird, macht es uns nicht gerade leichter: Hashtags wie #yogaeverydamnday und verschiedene Challenges befeuern das Leistungsdenken. Bilder von perfekt aussehenden Asanas im Sonnenuntergang sind einerseits inspirierend, legen andererseits die Benchmark für die meisten außer Reichweite und sorgen damit eher für Frust. Yoga bedeutet für jeden etwas anderes und ist nicht wirklich darstellbar. Auf jeden Fall aber ist es ein guter Zustand im Inneren. Eine sehr persönliche Angelegenheit, die nichts mit Zurschaustellung zu tun hat. Zur Yoga wird eine Asana überhaupt erst durch den Rückzug der Sinne, das Verbinden mit dem inneren Selbst. Und diese fragile Verbindung wird allzu leicht übertönt.

 

Alles steckt in einem Wort

 

Beim Üben dieser Synchronisation von innerer und äußerer Ausrichtung haben deutsche Yogis einen echten Sprachvorteil, denn das deutsche Wort für Asana, Haltung, steht sowohl für die körperliche Pose als auch für die innere Einstellung. Macht man sich diese Doppelbedeutung einmal bewusst, sind die beiden untrennbar miteinander verbunden. Und es wird vielleicht ein bisschen einfacher, sie auch auf der Matte im Einklang zu halten.  

So imponierend das körperliche Alignment mancher Asana auch aussehen mag, die Konzentration des Geistes ist die eigentliche Herausforderung dahinter. Denn allzu leicht huscht der Fokus zu Gedanken wie „Das Bein muss höher” – „Das Fett muss weg” – „Heute schaff’ ich den Handstand”. Eine Praxis mit dem ehrgeizigen Versuch, Fortschritte zu erzwingen, die zu lange auf sich warten lassen, wird sicher nicht zu der ersehnten inneren Ruhe führen. Es ist viel einfacher: Fortschritte werden sich durch regelmäßiges Üben mit der Zeit wie von selbst einstellen. Und je niedriger die Erwartung, umso größer der Erfolg.

 

In meinem Fall war die kleine Zwangspause ein echter Reset, eine Besinnung auf das Wesentliche. Die Qualität meiner Praxis fühlt sich wieder frisch an, offen und befreit von einigen Erwartungen. Meine Muskeln und Nerven konnten sich regenerieren und vor allem konnte sich der Teil von mir entspannen, der sich am meisten verkrampft hatte: mein Geist. Bei aller Begeisterung bleibt meine größte Herausforderung, regelmäßig Pausen zu machen. Ich weiß das genau, denn meine größten Fortschritte habe ich in der Vergangenheit meistens nach oft unfreiwilligen Pausen gemacht. Leider vergesse ich das immer mal wieder.

 

Wenn es also mal nicht so richtig klappen will mit Dir und dem Yoga, muss es nicht zwingend daran liegen, dass Du zu wenig tust. Es könnte auch einfach sein, dass Du zu viel willst und das zu schnell. Was eine Yogapraxis nicht gebrauchen kann, ist Termindruck. Und auch keine Labels oder Hashtags. Und wenn doch, dann vielleicht #tristhana, der Einklang von Atmung, Bandhas und Drishti.

(Bitte nicht nachmachen)


Andreas Ruthemann, Ashtanga Yogalehrer und freier Kreativer.

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