MAN MUSS AUCH MAL WAS SCHWIERIGES KÖNNEN: NICHTS.

Wir müssen uns nicht wundern, wenn es uns schwer fällt, Momente der Stille auszuhalten. Wenn wir nach der Arbeit in einen durchorganisierten Freizeitmodus wechseln weil wir ohne äußere Einflüsse nichts mit uns anzufangen wissen. Denn wir leben in einer Gesellschaft, in der es als unanständig gilt, nichts zu tun. Das Wochenende, der Urlaub, die Rente, das ist ok, das hat man sich verdient. Aber Nichtstun ohne Grund – einfach so? Sehr suspekt und dabei genau das, was wir dringend brauchen. Denn wenn wir uns nicht mehr spüren, fehlt uns nicht zwingend ein weiteres Erlebnis-Highlight, sondern vielleicht einfach nur ein bisschen Ruhe.

 

Mir selbst fällt das Nichtstun richtig schwer. Meine Arbeit als Kreativer und als Yogalehrer halten mich ständig in Bewegung. Dazwischen beschäftige ich mich mit Schreiben, Fotografieren, Einrichten, Kochen und Gärtnern. Alles kreativ und produktiv, aber keine noch so angenehme Tätigkeit kann Ruhe ersetzen. Da muss ich wohl noch etwas üben. 

 

Sitzen-Glotzen

 

Mein Hund Basti ist mir dabei ein gutes Vorbild: Als Welpe ist er immer nur wenige Schritte gegangen, um sich dann gleich wieder hinzusetzen und mit großen Augen irgendetwas anzuschauen (Papiertüte, Skateboard, Schmetterling). Wir nannten das Sitzen-Glotzen. Man konnte regelrecht beobachten, wie die neuen Eindrücke sich setzten – wie aufgewirbelte Flocken in einer Schneekugel. Das Sattsehen brachte innere Ruhe und Frieden.

 

Ich selber finde solche Momente im Yoga. Besonders nach der Praxis ist das sonst so anstrengende Stillsitzen und Beobachten ein echter Genuss. Im Alltag habe ich mir deshalb seit einiger Zeit angewöhnt, mir zwischen Terminen oder Jobs Ruheinseln zu schaffen. Ist eine Sache beendet, fange ich nicht gleich die nächste an, sondern lasse mir Zeit. Nehme mir ein paar Minuten oder eine halbe Stunde und mache nichts – auch wenn ich mich fast dazu zwingen muss. Das macht mich freier und offener für die nächste Aufgabe.

 

Wir weichen der Stille oft aus als hätten wir Angst mit uns allein zu sein oder uns zu langweilen. Dabei lohnt es sich, Langeweile auszuhalten denn sie kann sogar nützlich sein. In Momenten der Muße fallen uns nämlich Ideen, an die wir durch angestrengtes Grübeln niemals gelangt wären, regelrecht vor die Füße. Entspanntes Loslassen und bewusste Wahrnehmung ermöglichen ganz neue Sichtweisen und nähren die Kreativität.

 

Die Erlebniskrake

 

Dummerweise fällt es uns sehr viel leichter, uns in Zerstreuung zu flüchten und das Angebot dafür ist groß. Wir machen keinen Urlaub sondern die Erlebnisreise im Erlebnishotel in der Erlebnisregion. Wir essen nicht einfach sondern gehen zum Erlebniskochen im Erlebnisrestaurant mit Erlebnisdinner. Statt uns zu waschen nehmen wir ein Erlebnisbad mit Erlebnisduft und Erlebniskerzen (gibt es wirklich!) – bequem und gebrauchsfertig. Aber gibt es eine Erlebnisgarantie? Was, wenn ich dabei gar nichts spüre? Was, wenn Erlebnis draufsteht, aber gar keins drin ist? Bin ich dann etwa selber schuld? Na klar! Ein Erlebnis lässt sich nämlich weder vorkauen noch konsumieren, denn jeder Mensch erlebt die selbe Situation auf unterschiedliche Weise. Weil ein Erlebnis im Inneren entsteht und in keiner Fabrik oder Event-Agentur.  

 

Das Bedürfnis, sich aus dem Alltag auszuklinken, ist offensichtlich groß und Yoga schafft dafür den idealen Rahmen: vom Außen ins Innen wechseln und sich selbst wieder spüren. Der Yogamarkt ist bunt und es lohnt sich, verschiedene Richtungen auszuprobieren um seinen passenden Weg zu finden. Doch auch hier kann man sich leicht verlieren. Denn trotz all der verführerischen Angebote im Yogamarkt – auch dieses Erlebnis kann man nicht kaufen. Man muss sich die Mühe machen, es zu entdecken, zu beobachten und geduldig wachsen zu lassen.

 

Die Zwillingsschwestern

 

Aber Geduld ist die Zwillingsschwester der Langeweile. Und es ist doch viel unterhaltsamer, von einem Yoga-Event zum nächsten zu hüpfen, selbst wenn ich so wieder nur der Stille ausweiche. Bloß wird sich dadurch statt des gewünschten inneren Friedens wohl eher ein Gefühl der Unzulänglichkeit einstellen. Weil bei aller Selbstoptimierung in zig Workshops und Specials immer noch etwas fehlt. Weil ich an einem Ort suche, wo ich die innere Ruhe niemals finden werde: im Außen.

 

Im Yoga gibt es weder Fleißkärtchen noch Sitzenbleiben, weder richtig noch falsch. Weil es immer eine Momentaufnahme ist, eine Kontaktaufnahme mit sich selbst auf allen Ebenen. Diesen Zugang zu finden erfordert ein Mindestmaß an Ausdauer und Commitment. Übermäßiger Input erzeugt auf Dauer eher Verwirrung und Unsicherheit. Denn das, was wir suchen, steckt nicht in bunten Leggings und Detox-Tees, sondern in uns selbst. Um es zu entdecken, müssen wir weder etwas kaufen noch irgendwo hinfahren, wir brauchen nichts als ein bisschen Ruhe. 

 

Erlebnis-Fasten

 

Ein ulkiger Begriff, der mir beim Recherchieren begegnet ist, ist das Erlebnis-Fasten, ein Angebot zum Fasten und Wandern in der Natur. Eine schöne Idee. Allerdings hatte ich es beim ersten Überfliegen falsch verstanden, was es nur noch interessanter macht: Ich dachte nämlich an Erlebnis-Fasten als Entzug vom Erlebniskonsum, ähnlich einem Digital Detox oder einem Vipasana Seminar. Also für eine Zeit mal nichts tun, nichts verbrauchen, nichts erzeugen. Ein vorübergehender Ausstieg, der das tatsächliche Erleben wieder ankurbelt. Das wär doch mal was, oder?

 

So, der Text ist fertig, die Sonne scheint und ich setze mich erstmal vor meine Bürotür um nichts zu tun.


weiterlesen

  • Das Beste, was wir tun können, ist nichts (Björn Kern)
    Ein Selbstversuch im Nichtstun als Lebensmodell – scheint zu funktionieren. „Nichtstun heißt ja nicht, dass ich nichts tue. Nichtstun heißt, die falschen Dinge sein zu lassen.”
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  • Ruhe da oben! (Andreas Knuf)
    Dieses unterhaltsame Buch beschreibt Wege zu einem ruhigen Geist, nicht ohne auch die Hindernisse zu beleuchten. Es liest sich daher wie eine psychologische Version des Yoga Sūtra.
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  • Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen (Frank Berzbach)
    Diese wahre Fundgrube an Denkanstößen lädt dich ein zum stillen Austausch mit dir selbst und ist trotz der spielerischen Gestaltung alles andere als leichte Kost. Gut investierte Lesezeit.
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  • Cord – Das Männer-Magazin fürs Wesentliche
    Keine Felgen, keine Frauen, keine Fitnesstipps. Ein Magazin für die ganz und gar nicht leisen Zwischentöne des Lebens.
    - Gewiss bald die neue Ikone des "Slow Journalism".- (DLF)
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zitat

„Gar nichts erlebt.

Auch schön.“

 

 

 Mozart

Tagebucheintrag vom 13. Juli 1770

vorschau

Frieden entsteht nicht irgendwo da draußen zu einem bestimmten Termin, er steckt bereits in uns, genau in diesem Moment – wir müssen uns nur trauen, still zu werden und loszulassen.
Das Motiv instant peace gibt es in Kürze als T-Shirt im yogipop Shop.


to do asap



Andreas Ruthemann, Freier Kreativer und Yogalehrer, Hamburg


Yoga OHNE PAUSE ist auch nur stress

ACHTSAMKEIT HÄLT ALLES ZUSAMMEN

DIE SCHWIERIGKEIT MIT DER LEICHTIGKEIT


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